Landung in Cirák
Auszug aus "Zita - Kaiserin ohne Thron"
Eine detaillierte Beschreibung der Landung des Kaiserpaares in Cirák im Jahre 1921 von Jean Sévillia.
"...Der zehnte Hochzeitstag von Karl und Zita fiel auf den 21. Oktober 1921. Auf Hertenstein wurde ein kleines Fest vorbereitet. Als Karl und Zita am Morgen des 20. Oktober den Wagen bestiegen, rannten ihnen Otto, Adelhaid, Robert und Felix fröhlich bis zum Gitter nach. Die Kaiserin hatte ihnen versprochen, ihre Eltern seinen am Abend "zu Hause". Die Kinder wären weniger fröhlich gewesen, hätten sie den Doppelsinn der Formulierungen verstanden: "Zu Hause" - das war in Ungarn. Wie dorthin gelangen? Der Kaiser hatte das schnellste Transportmittel gewählt, das Flugzeug. Zita begleitete ihn. Boroviczény hatte versucht, sie davon abzubringen, doch sie hatte nur abgewinkt. Die Kinder unter der Obhut ihrer Großmutter, Erzherzogin Maria Josefa, und ihrer Gouvernante, Gräfin Kerssenbrock, würden sich nicht ängstigen. Es sei ihre Aufgabe, in diesem schwierigen Augenblick ihren Gemahl zu unterstützen. Der Hinweis auf die Gefahren des Unternehmens würde sie nur in ihrem Beschluß bestärken. Und die körperliche Strapaze des Flugs? "Wenn ich es aushalten will, so kann ich es!", hatte sie energisch erwidert. Kein Zögern, obwohl sie erneut schwanger war. Karl war bei diesem Wortwechsel zugegen gewesen und hatte seinen Mitarbeiter achselzuckend angeschaut, als wollte er sagen:"Ach lassen Sie, ich habe schon alles versucht."
Boroviczény hatte bei der schweizerischen Fluggesellschaft Ad Astra eine auf dem Flugplatz Dübendorf bei Zürich stationierte Junkers F13 gemietet. Für 20.000 Schweizer Franken war ein deutscher Pilot angeheuert worden; hinzu kamen zwei ungarische Flieger, die vor Ort den Landeplatz ausgekundschaftet hatten. Die Flugpapiere waren auf den Namen eines russischen Ehepaars ausgestellt worden, das sich nach Genf begeben wollte.
| Am 20. Oktober, zur Mittagszeit, hob das Flugzeug mit sechs Personen an Bord ab: Karl und Zita - für beide war es der erste Flug - Boroviczény und die drei Piloten. Karl war zuversichtlich. Alles war sorgfältig geplant worden, nicht wie damals an Ostern. Er würde mit militärischer Unterstützung in seine Hauptstadt einziehen. Über eine sichere Verbindung war die Botschaft übermittelt worden: "Näht den Kragen an". |
Den Landeplatz sollten große Feuer weisen. Dort würde man sie erwarten. Dann würden sie direkt zu Lehárs und Oszenburgs Truppen fahren und unverzüglich nach Budapest aufbrechen - der König mit dreitausend entschlossenen und bewaffneten Offizieren und Soldaten. Zita? Das war noch ungewiß. In zwölf, spätestens achtzehn Stunden würde er in der Königsburg sein.
16 Uhr. Der Endecker überfliegt die Pußta. Er nähert sich seinem Ziel. Rauch! Hier muß es sein. Das Flugzeug setzt zur Landung an. Fehlalarm! Der Rauch ist ein von Bauern angezündeter Haufen Kartoffelstauden. Das Flugzeug zieht hoch. Kurz danach erkennen die beiden ungarischen Piloten den angepeilten Ort, doch kein Signalfeuer ist zu sehen. Landung - auf einem langen Stoppelfeld. Damals war ein Flugzeug eine Sensation. Aus Dénesfa, dem nächstgelegenen Dorf, rannten Leute herbei. Andere benachrichtigten den Gutsherrn. Offiziere seien aus der Luft gelandet. Graf Cziráky eilte herbei. Als er sich von der Überrschung erholt hatte, stellte er sich unverzüglich in den Dienst der Herrscher. Doch sein Haus war voll, heute wurde sein Sohn getauft. Unterden Gästen befanden sich auch Bischof Mikes von Szombathely und Gyula (Julius) Andrássy, letzter österreichisch-ungarischer Minister des Äußeren und Graf Czirákys Schwiegervater. Um kein Aufsehen zu erregen, wurden Karl und Zita in das Haus von Freunden geführt.
Endlich traf Oberst Lehár ein. Erst am Morgen des 20. Oktober hatte er Karls Botschaft erhalten (eine nie aufgeklärte Verspätung) und setzte alles in Bewegung, um für seine Soldaten einen Zugkonvoi zusammenstellen zu können, denn alle Wagen waren für den Erntetransport abgezogen worden. Das so sorgfältig vorbereitete Unternehmen begann schlecht: der Überraschungseffekt war dahin - gescheitert an den Unwägbarkeiten der Zuckerrübenernte. ..."
(aus: Jean Sévillia, Zita - Kaiserin ohne Thron (Zürich, 1998)
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